Immer wieder fliegen mir die selben Gedanken durch den Kopf. Wörter. Wortfetzen. " Reanimation. Nierenversagen. Herzstillstand. Atemstillstand. Intensivstation. Gehirnschäden. Abschied. "ich hab dich lieb." Es tut mir leid. Geräte Abschalten. Weinen. Schmerz. Leere...Tod."
Immer wieder spielen sich die Szenen in meinem Kopf ab.
" Wollen sie das wirklich sehen?" - " Sie will sich verabschieden. Das ist ihre Entscheidung und sie packt das." Meine Mutter antwortet für mich, warum auch immer. Ich folge der Krankenschwester durch die vielen Gänge der Intensivstation. Rechts, Links, wieder recht, nocheinmal rechts.
Nun stehe ich vor dem Bett meines Opas. Um ihn herum stehen Maschinen, überall. Maschinen, die für ihn arbeiten. Maschinen, die ihn am Leben halten. Als ich über seinen Arm streichle, ist er ganz warm. An der Herz-Lungen-Maschine sieht man, wie sein Herzschlag schneller ist. Vielleicht hört er mich ja doch?
Ich fange an zu weinen, tropfe sein Bett voll, seinen Arm. Schaue meiner Mutter ins Gesicht. Ich hab sie noch nie so weinen gesehen. Ich drehe mich zu meinem Opa, schluchze ein " Ich hab dich lieb" und nehme meine Mutter in den Arm. Abschied nehmen. Ein letztes Mal streichle ich meinem Opa über die Hand, dann verlasse ich den Raum.
Dann verblasst die Szene.
Ich erinnere mich noch genau an das Gespräch. Es ist, als ob ich daneben stünde. Es ist, als ob sich alles in Zeitlupe abspielt, und ich muss immer wieder das selbe durchleben.
Ich sehe, wie der Arzt zu sprechen beginnt. " Ich habe vorhin mit ihrer Tochter drüber geredet und ich sage es auch ihnen noch einmal. Dadurch, dass das Gehirn ihres Mannes fast eine Halbe Stunde lang nicht durchblutet worden ist, und durch die Reanimierung, ist das Gehirn ihres Mannes erheblich beschädigt worden. Unter diesen Umständen ist es ihrem Mann nicht mehr möglich, weiterzuleben. Wir brauchen ihr Einverständnis, wir machen nichts, was sie nicht wollen. Ihre Tochter sagte mir schon, dass sie nicht die Mörderin ihres Mannes sein wollen, aber das sind sie nicht ! Das ist ein Ärztlicher Rat. Viele unserer Fachkräfte haben sich zusammengesetzt und sind die Befunde durchgegangen. Der Zustand ihres Mannes wird immer instabiler. Wir brauchen ihr Okay, dann stellen wir die Geräte ab. " Er schaut meine Oma erwartungsvoll an. Was erwartet er? "ok." Ich sehe, wie in ihr innerlich alles zusammenfällt. Trotzdem bleibt sie stark. Vor mir weint sie nicht. Und auch ich vor ihr nicht, das habe ich mir vorgenommen.
"Sie können dabei sein wenn sie wollen. Manche Patienten wollen aber auch, dass wir sie einfach anrufen. Ich möchte ihnen Dazu sagen, dass er nichts spüren wird. Wir werden ihm starke Schmerzmittel geben, auch wenn es durch die Unterfunktion des Gehirns sehr Unwahrscheinlich ist, dass er Schmerz spüren wird. Aber für den Fall, das da doch noch was ist, geben wir Schmerzmittel. Wir werden warten, bis sein Atem ganz ruhig ist. Dann werden wir die Schläuche entfernen. "
Meine Tante, meine Oma und meine Mutter sind sich einig, dass sie dabei sein wollen. Ich will mir das jedoch nicht antun. Ich will ihn nicht sterben gehen.
Als die drei den Raum verlassen schließe ich die Tür, sinke zusammen und weine.
Dann verblasst die Szene.
* 13.05.1944 † 10. 10. 2012 - Du fehlst mir, Opa. So sehr.
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